Vom Altwerden…
Der erste Wettkampf dieses Jahres war für mich der erste Lauf der Waldlaufserie vom Tusem, die immer auch eine kleine Reise in die Vergangenheit ist. Diese fängt schon beim Abholen der Startunterlagen an, denn die holt man im Pavillon der Grundschule an der Waldlehne ab, die ich als Kind der Margarethenhöhe besucht habe. Außerdem war ich schon als Kleinkind Mitglied im Tusem, weil ich dort ab meiner frühen Kindheit das Kinderturnen besucht habe. Später bin ich dann zur Leichtathletik gewechselt und habe meine ersten Runden auf dem Ascheplatz an der Grundschule gedreht. Als ich am vergangenen Samstag meine Startnummer abholte und meinen Namen nannte, wiederholte die Tusem-Helferin an der Startunterlagenausgabe: „Judith Wendler?“ – „Ja!“ – „Erinnerst du dich an mich?“ – „Ähm, nein, nicht so wirklich.“ – „Es ist ca. 20 Jahre her… Patricia!“ Unglaublich! Es war meine allererste Leichtathletiktrainerin!
Und es ist viel länger her als 20 Jahre, denn meinen ersten Waldlauf nach meinem Aufstieg vom Turnen zur Leichtathletik habe ich mit 6 Jahren gemacht. Das war übrigens ein grandioser Erfolg im Läuferwald am Stadtwald, wo es damals noch einen Wettkampf gab und ich gleich bei meinem ersten Lauf Siegerin der Schülerinnen D wurde und auch nur eine Schülerin C vor mir ins Ziel lief. Ich war natürlich völlig euphorisch und malte mir meine sportliche Karriere in schillernden Farben aus. Die Ernüchterung folgte recht bald und spätestens als Jugendliche musste ich einsehen, dass der Gewinn der Nordrheinmeisterschaften über 800m wohl nicht ausreichen wird, um in die nationale Spitze vorzustoßen… Schade. An der Startnummernausgabe sagte ich zu Inga jedenfalls, dass ich unter Patricias Anleitung angefangen hatte zu laufen und sie ergänzte, dass ich mich damals liebend gerne von ihr auf dem Rücken habe tragen lassen. Daran kann ich mich nun nicht mehr erinnern.. Jedenfalls ist es unglaubliche 32 Jahre her, dass diese Frau mich trainiert hat und das fühlte sich dann schon ganz schön alt an.
In leicht wehmütiger, sentimentaler Stimmung begab ich mich mit Inga in Richtung Start, wo mir Freund Rudi mitteilte, das Andreas, der gerade die kürzere Strecke absolvierte, mir wohl seine Spikes leihen würde. Das ist aber nett, dachte ich, denn die Strecke war wegen des festgetretenen Schnees ordentlich glatt. Ich passte ihn also ihm Ziel ab und probierte die Spikes an, passt, prima! Nun bin ich zuletzt vor ca. 20 Jahren mit Spikes gelaufen (da war ich wohl auch noch beim Tusem und habe irgendwelche Bahnwettkämpfe gemacht und ab und zu einen Crosslauf), aber ich kann mich nicht erinnern, je mit solchen langen Dornen gelaufen zu sein, deren Verkauf und Einsatz nämlich dem Kriegswaffenkontrollgesetz unterliegt. Beim Einlaufen bin ich ständig gestolpert, weil ich mir durch mein langsames Marathongeschlurfe den Laufstil versaut habe und die Füße nicht weit genug vom Boden hob, um nicht über diese Riesendornen unter den Sohlen zu stolpern. Ich befürchtete schon, dass der vermeintliche Vorteil der Spikes sich durch mehrfaches auf die Nase fallen ins Gegenteil verkehren könnte.
So kam es nicht, aber so ähnlich… Schon in Runde zwei von sieben bemerkte ich nämlich, dass die Wadenmuskulatur steinhart wurde und in Runde drei überlegte ich ernsthaft auszusteigen, was ich ja eigentlich nie tue. Es tat beschissen weh und noch vier Runden lagen vor mir. Ich habe mich dann doch durchgebissen, aber leider konnte ich am Ende kein bisschen Tempo mehr zulegen, weil ich nahe an Wadenkrämpfen war. Schade, denn sonst hatte ich mich gut gefühlt. Nun weiß ich nicht, ob ich ohne Spikes schneller gewesen wäre, denn dann wäre ich bei jedem Schritt gerutscht. Auf jeden Fall aber würde es mir jetzt besser gehen, denn ich habe nun so einen höllischen Muskelkater in den Waden, dass ich nicht mal normal gehen kann. Andreas meint übrigens, das hätte gar nichts mit den Spikes zu tun… ja klar!
Nächsten Samstag ist der zweite Durchgang der Waldlaufserie und ich hoffe, dass das Wetter so hübsch warm und regnerisch bleibt und dass meine Waden bis dahin wieder mitmachen.
Früher jedenfalls bin ich problemlos mit Spikes gelaufen, aber da war ich ja auch noch jung. Und so schließt sich der Kreis: Vor dem Wettkampf ließ mich die Begegnung mit Patricia mein Alter fühlen, danach beschert mir der fette Muskelkater mal wieder einen kleinen Vorgeschmacke auf das Körpergefühl von alten Menschen, denen jede Bewegung weh tut. Graue Haare kriege ich übrigens auch schon.
Ein Wettkampf-/Erlebnisbericht von Judith Wendler.
Kommentar schreiben